Stammtext
Stammtexte bilden das Fundament für konsistente Leistungsinformationen in Deutschland. Als bundesweit einheitliche in bürgerorientierter Sprache formulierte Basisinformationen dienen sie als Grundlage für föderal ergänzte Leistungsbeschreibungen. Die Modellierung der Stammtexte folgt dabei einem mehrstufigen, modularen System. Das Konstrukt der Stammtexte zielt darauf ab, einen bundesweiten Standard zu schaffen und die Qualität der Leistungsinformationen zu sichern. Da die Inhalte nach dem EfA-Prinzip (Einer für alle) für die Wiederverwendung erarbeitet werden, reduziert sich der redaktionelle Aufwand beim Anlegen einer Leistung, was die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) maßgeblich unterstützt.
Grundlagen der Stammtexterstellung
Die Modellierung eines Stammtextes basiert auf klar definierten Prinzipien und Prozessen, die eine standardisierte und nachnutzbare Beschreibung von Verwaltungsleistungen gewährleisten. Beginnend bei der abstrakten Rechtsnorm und basierend auf der Gesamtheit aller Verwaltungsleistungen, aus der einzelne Leistungen für die Modellierung identifiziert werden, baut die Erstellung eines Stammtextes auf einer analytischen sowie konzeptionellen Grundlage auf.
Analytische Grundlage
Die Inhalte eines Stammtextes basieren auf sorgfältigen analytischen Vorarbeiten. Eine detaillierte Normenanalyse der relevanten rechtlichen Handlungsgrundlagen ist unerlässlich, um den exakten Regelungsgehalt einer Leistung zu erfassen. Auf Basis dieser Analyse erfolgt der Leistungszuschnitt, bei dem die zu beschreibende Verwaltungsleistung eindeutig identifiziert und von anderen Leistungen abgegrenzt wird. Die FIM-Zuschnittsindikatoren bieten hierfür eine methodische Anleitung. Dieses Vorgehen schafft die notwendige Grundlage für die anschließende, FIM-konforme Modellierung des Stammtextes.
Konzeptionelle Grundlage
Die Modellierung des Stammtextes für die definierte Leistung folgt dem Stammtext- und Ergänzungsmodell. Dieses Prinzip der föderalen Arbeitsteilung stellt sicher, dass der Stammtext als zentral erstellte Basis nur die bundesweit einheitlichen Kerninformationen enthält. Dadurch kann der Stammtext als qualitätsgesicherte Vorlage von allen Ländern und Kommunen aufgegriffen werden, um ihn mit ihren jeweiligen spezifischen Vollzugsinformationen zu einer vollständigen Leistungsbeschreibung zu ergänzen.
Zusammenspiel der Leistungsinformationen im Baustein Leistungen
Um Stammtexte in ihrer Funktion und ihrem Aufbau konkret einordnen zu können, ist es wichtig, drei zentrale Begriffe aus dem FIM-Baustein Leistungen zu betrachten und diese voneinander abzugrenzen: Leistungssteckbrief, Stammtext und Leistungsbeschreibung.
Leistungssteckbrief
Mittels des Leistungssteckbriefs wird eine Leistung identifiziert und katalogisiert. Er enthält grundlegende Leistungsinformationen wie den Leistungsschlüssel und die zugehörigen Leistungsbezeichnungen. Im FIM-Baustein Leistungen sind die Informationen des Steckbriefs keine vom Stammtext getrennte Datenmenge, sondern ein integraler Bestandteil des Stammtextes, der um zusätzliche Aspekte erweitert wird.
Stammtext
Der Stammtext umfasst die identifizierenden Informationen des Leistungssteckbriefs und wird um alle weiteren, die Leistung betreffenden Module erweitert, deren Inhalte bundesweit einheitlich gültig sind. Er enthält somit die übergreifend gültigen Kerninformationen zu einer Leistung, die in allen vollziehenden Ländern beziehungsweise Kommunen gleich sind.
Die Befüllung der Module im Stammtext erfolgt (bis auf wenige Pflichtattribute) flexibel, da sie von der Allgemeingültigkeit der jeweils rechtsgültigen Informationen einer Leistung abhängt. Gibt es beispielsweise für eine Leistung ein bundesweit gültiges Kostenmodell, so ist das Modul "Kosten" im Stammtext zu befüllen. Sind die Kosten hingegen Sache der Länder oder Kommunen, bleibt das Modul im Stammtext leer und wird spätestens auf der vollziehenden Ebene befüllt. Auch die Angabe "keine Kosten" ist eine gültige Befüllung.
Leistungsbeschreibung
Die Leistungsbeschreibung ist die finale und für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen gültige Information zu einer Leistung. Sie ist das Endprodukt im Redaktionsprozess des Bausteins Leistungen und entsteht, wenn die vollziehende Stelle (zum Beispiel eine Kommune) den vom Bund erstellten Stammtext (gegebenenfalls um Landesrecht ergänzt) aufgreift und ihn um ihre spezifischen, lokalen Vollzugsinformationen anreichert. Dazu gehören beispielsweise der konkrete Ansprechpartner, Öffnungszeiten und regionale Formulare.
Für den Prozessschritt, in dem ein Land einen Stammtext bereits um landesrechtliche Ausführungsvorschriften ergänzt, die Kommune ihre Vollzugsinformationen aber noch nicht hinzugefügt hat (typisch innerhalb einer Typ-3-Leistung), gibt es keinen offiziellen FIM-Begriff. Die empfohlene Herangehensweise ist hier, ebenfalls von einer "Leistungsbeschreibung" zu sprechen und den jeweiligen Reifegrad durch einen Bearbeitungsstatus (zum Beispiel "Stand Landesebene") gesondert zu kennzeichnen.
Bei Typ-1-Leistungen (Bund regelt und vollzieht) ist keine föderale Ergänzung durch Länder oder Kommunen notwendig. Aus diesem Grund sind die Stamminformationen auf Bundesebene bereits vollständig und somit identisch mit der finalen Leistungsbeschreibung. Formal gibt es demnach keinen Stammtext, der vor der Leistungsbeschreibung existiert, da er direkt in ihr aufgeht. Ähnliches gilt für rein landesrechtliche (Typ 4a) oder kommunale (Typ 5) Leistungen, bei denen sich die Regelungs- und Vollzugskompetenz auf der gleichen Ebene befinden und die erstellten Informationen ebenfalls direkt die finale Leistungsbeschreibung darstellen. Die nachstehende Grafik verdeutlicht diese Unterscheidung anhand der Typisierungen.
Modularer Aufbau des Stammtextes
Stammtexte sind standardisiert und modular aufgebaut, um eine strukturierte, vergleichbare und nachnutzbare Beschreibung von Verwaltungsleistungen zu gewährleisten.
Grundprinzip der Modularität
Jeder Stammtext setzt sich aus einzelnen Informationsbausteinen, den sogenannten Modulen, zusammen. Jedes Modul dient dazu, einen spezifischen Aspekt der Verwaltungsleistung standardisiert zu beschreiben. Dieses Grundprinzip der Modularität ermöglicht es, Leistungsinformationen klar zu strukturieren und für verschiedene Anwendungsfälle, wie die Anzeige in Portalen oder die Verarbeitung in Fachverfahren, aufzubereiten.
Übersicht der Module innerhalb des Stammtextes
Der Stammtext umfasst stets die identifizierenden Informationen des Leistungssteckbriefs und wird um weitere Module ergänzt, deren Inhalte bundesweit einheitlich gültig sind. Durch nur wenige verpflichtende Module ist die genaue Zusammensetzung leistungsindividuell. Diese Flexibilität ist entscheidend, um den föderalen Gegebenheiten gerecht zu werden. Die folgende Auflistung gibt einen Überblick über die im Stammtext enthaltenen Module und deren Kerninformation. Tiefergehende Informationen zum jeweiligen Modul sind über die Verlinkungen erreichbar.
Kernmodule des Leistungssteckbriefs
Die Module innerhalb des Leistungssteckbriefs sind immer Teil des Stammtext-Konstrukts und bilden damit die Basis eines jeden Stammtextes sowie jeder Leistungsbeschreibung. Sie enthalten identifizierende Informationen, welche die einzigen zwingend anzugebenden Module sind.
- Leistungsschlüssel: Definiert die eindeutige Identifikationsnummer der Leistung und ist ein Pflichtmodul.
- Leistungsbezeichnung I: Definiert den offiziellen, verwaltungsinternen Titel der Leistung und ist ein Pflichtmodul.
- Leistungsbezeichnung II: Definiert den bürgerfreundlichen Titel der Leistung für die öffentliche Darstellung.
- Typisierung: Beschreibt die Zuständigkeiten für Regelung und Vollzug der Leistung.
- SDG Informationsbereiche: Ordnet die Leistung einem der in der EU-Verordnung zum Single Digital Gateway (SDG) definierten Informationsbereiche zu, um die grenzüberschreitende Bereitstellung von Leistungsinformationen zu unterstützen.
- Lagen Portalverbund: Ordnet die Leistung den Lebens- und Geschäftslagen des Portalverbunds zu.
- Begriffe im Kontext: Listet Synonyme und Schlagworte zur Verbesserung der Auffindbarkeit in Suchmaschinen und Portalen.
- Kennzeichen einheitliche Stelle: Gibt an, ob die Leistung über eine einheitliche Stelle (nach § 71a-e VwVfG) abgewickelt werden kann.
- Fachlich freigegeben durch: Dokumentiert die formale Freigabe der Leistungsinformation.
- Fachlich freigegeben am: Nennt das Datum der Freigabe des Textes.
- Handlungsgrundlage(n): Listet die für die Leistung relevanten rechtlichen Grundlagen auf.
Im Kontext des Stammtextes sowie der Leistungsbeschreibung gibt es FIM-Vorgaben, die das Ausfüllen bestimmter Module beispielsweise mit einem "MUSS" beschreiben. Dies besagt lediglich, dass dieses Modul verpflichtend ausgefüllt werden muss, wenn sich auf Grund der Handlungsgrundlage eine einheitliche Information ableiten lässt. Es ist nicht gleichzusetzen mit den Pflichtmodulen Leistungsschlüssel und Leistungsbezeichnung I.
Potenzielle Stammtextmodule
Die Stammtextmodule werden hier deshalb "potenziell" genannt, da ihr Inhalt abhängig von der bundesweiten Gültigkeit ist. Ist die bundesweite Gültigkeit nicht gegeben, bleibt das Modul leer und wird erst auf Vollzugsebene beim Fertigstellen der Leistungsbeschreibung befüllt.
- Volltext: Enthält die ausführliche, in bürgernaher Sprache formulierte Beschreibung der Leistung.
- Teaser: Enthält einen kurzen Vorschautext, der den Inhalt der Leistung prägnant zusammenfasst.
- Voraussetzungen: Beschreibt alle Bedingungen, die Antragstellende für die Leistungserbringung erfüllen müssen.
- Kosten: Definiert die anfallenden Gebühren oder Kosten für den Antragstellenden.
- Fristen: Definiert Fristen, die der Antragstellende beachten muss (zum Beispiel Antrags- oder Widerspruchsfristen).
- Verfahrensablauf: Beschreibt die für den Nutzer relevanten Schritte des Verwaltungsverfahrens.
- Bearbeitungsdauer: Gibt die voraussichtliche Dauer für die Bearbeitung durch die Behörde an.
- Erforderliche Unterlagen: Listet die zur Beantragung notwendigen Dokumente und Nachweise auf.
- Rechtsbehelf: Beschreibt die rechtlichen Möglichkeiten, um gegen eine behördliche Entscheidung vorzugehen.
- Hinweise/Besonderheiten: Bietet Platz für ergänzende Informationen, die in keinem anderen Modul erfasst werden.
- Weiterführende Informationen: Ermöglicht die Verlinkung auf externe Webseiten mit zusätzlichen Informationen.
- Leistungsadressatinnen und -adressaten: Definiert die Zielgruppe(n) der Leistung.
- Herausgebende Stelle: Benennt die Organisation, die den Leistungstext inhaltlich verantwortet.
- Kurztext: Enthält stichpunktartige Informationen, die speziell für die telefonische Auskunft durch die Behördennummer 115 aufbereitet sind.
- Mustertext: Kennzeichnet, ob ein Text als allgemeine Vorlage für ähnliche Leistungen dient.
- Zuständige Stelle: Benennt die örtlich und sachlich zuständige Stelle
- Ansprechpunkt: Benennt die erste Anlaufstelle, an die sich Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen wenden können (zum Beispiel zum Abgeben eines Antrags).
- Status Bibliothekseintrag: Beschreibt den redaktionellen Status des Eintrags (zum Beispiel "freigegeben").
Objekte
Informationen zu Organisationseinheiten, Formularen und Onlinediensten werden zur besseren Strukturierung als Objekte behandelt, die wiederum auszufüllende Module beinhalten. Diese Informationen haben selten eine bundesrechtliche Grundlage und kommen deshalb nur vereinzelt direkt im Stammtext vor. Sie beschreiben fast immer lokale Vollzugsinformationen und werden daher erst bei der Erstellung der finalen Leistungsbeschreibung durch die zuständig vollziehende Stelle befüllt. Dabei ist zu beachten, dass die Module eines Objektes, beispielsweise die der Formulare, jeweils für jedes die Leistung betreffende Formular ausgefüllt werden müssen.
Innerhalb des Objektes Organisationseinheiten müssen die zuständige Stelle und weitere Ansprechpunkte strukturiert erfasst werden. Auch hier gilt, dass bei mehreren Organisationseinheiten die Module jeweils separat zu befüllen sind. Wenn vorhanden, müssen diese bereits im Stammtext angegeben werden.
Redaktionelle Vorgaben und Qualitätskriterien (Überblick)
Jeder Stammtext muss vor seiner Veröffentlichung einen standardisierten Qualitätssicherungsprozess durchlaufen. Dieser stellt sicher, dass die erstellten Inhalte den definierten redaktionellen Vorgaben und Qualitätskriterien entsprechen.
Im Sinne dieses Prozesses ist darauf zu achten, dass der Stammtext für alle Nutzenden verständlich, korrekt und verlässlich ist. Dies beinhaltet beispielsweise eine bürgernahe Sprache zu verwenden sowie die inhaltliche Richtigkeit und formale Einheitlichkeit gemäß der Modulstruktur zu gewährleisten.
Eine ausführliche Beschreibung der geltenden Qualitätskriterien wird in einem separaten Artikel geliefert.
Technische Aspekte der Stammtextmodellierung
Stammtexte werden im Redaktionssystem LeiKa erstellt und gepflegt. Dieses System stellt die technische Infrastruktur für die Modellierung bereit:
- Der Editor bildet als Benutzeroberfläche die modulare Struktur der Stammtexte ab und unterstützt Redakteure bei der Erfassung der Inhalte gemäß der zuvor erwähnten redaktionellen Vorgaben und Qualitätskriterien.
- Als datenbankgestützter und zentraler Speicher dient im Hintergrund das Repository. Es gewährleistet eine versionierte Ablage der Daten und stellt die Konsistenz sicher.
Der Datenaustausch und die technische Interoperabilität mit anderen FIM-Komponenten, Fachverfahren und Portalen werden durch den XÖV-Standards XZuFi (Zuständigkeitsfinder) realisiert. Dieses standardisierte Austauschformat überführt die modularen Informationen des Stammtextes in eine nachnutzbare XML-Struktur.
Zusammenspiel mit anderen FIM-Bausteinen
Die modellierten Stammtexte im FIM-Baustein Leistungen agieren nicht isoliert, sondern sind ein zentraler Bestandteil im Gesamtgefüge des föderalen Informationsmanagements. Sie sind eng mit dem Baustein Prozesse und dem Baustein Datenfelder verknüpft, um eine durchgängige Beschreibung von Verwaltungsleistungen zu ermöglichen. Stellt man sich dieses Zusammenspiel wie ein Puzzle vor, liefert jede Komponente ein wichtiges Teil für das Gesamtbild einer Verwaltungsleistung.
- Der Stammtext liefert Informationen zur Leistung aus Bürgersicht. Module wie "Verfahrensablauf" oder "Erforderliche Unterlagen" beschreiben dabei die Form der angrenzenden Puzzleteile und geben Hinweise auf die benötigten Informationen aus den anderen Bausteinen.
- Ein im Stammtext erwähntes Antragsformular wird durch ein Stammdatenschema innerhalb des Bausteins Datenfelder exakt beschrieben. Dieses definiert beispielsweise die Struktur eines für den Antrag benötigten Dokuments und fügt sich so nahtlos in den Leistungsprozess ein.
- Der Baustein Prozesse beschreibt den behördeninternen Verwaltungsablauf. Dabei passt der Stammprozess exakt zum Modul "Verfahrensablauf" des Stammtextes und beschreibt die für den Nutzenden nicht sichtbare, aber notwendige behördliche Logik der Leistung.
- Der Stammtext ist die bundesweit gültige Vorlage für eine Leistungsbeschreibung.
- Ein Stammtext besteht aus den identifizierenden Informationen des Leistungssteckbriefs und allen weiteren bundesweit einheitlichen Modulen.
- Die Zusammensetzung des Stammtextes ist flexibel und leistungsgebunden.
- Durch Ergänzungen von Vollzugsinformationen wird der Stammtext zur finalen Leistungsbeschreibung.
- Grundlage für die Stammtexterstellung sind immer eine Normenanalyse und der Leistungszuschnitt.